Eine Liebeserklärung an Tori Amos (aber auch an Frauen über 60)
Das Tori Amos Konzert in Berlin hat mich nicht mitgerissen aber trotzdem berührt. Das liegt vermutlich an ihren Wechseljahren.
Verstehe schon, warum Menschen so mega Shows wie die von Taylor Swift oder Beyoncé gut finden. Wenn man schon so viel Geld zahlt und dann in der vorletzten Reihe sitzt und seinen Lieblingsstar nur schemenhaft erahnen kann, will man wenigstens ne fette Lichtshow, sich stunden-, vielleicht tagelang, in Vorfreude vorbereiten und danach noch gemeinsam mit anderen Fans auf der Straße tanzen. Verstehe schon. Bei Tori Amos war das nicht so. Da ging man hinein, zahlte fünf Euro für ein Wasser (!) und saß dann, hörte Musik, die gut klang, und ging dann wieder.
Hab ich's trotzdem gefühlt? Die Zeit hab ich vor allem gefühlt. Die Zeit, die Tori Amos schon auf der Bühne steht, Entschuldigung: sitzt, und Musik macht. Die Zeit, die sie sehr routiniert gemacht hat. Die Zeit, in der sie sich ein endloses Repertoire aufgebaut hat und eine Bandbreite an Musik erschaffen hat. Die Zeit, die ihre Stimme hat schwächer werden lassen und wegen der sie Backgroundsängerinnen dabei hat. Die Wechseljahre – darüber spricht sie auf Bühnen und Interviews – haben ihre Stimme verändert. Nicht singen oder einen Kompromiss finden. Tori Amos hat sich für den Kompromiss entschieden. Und dafür anzuerkennen, dass sie sich verändert hat. Dass sie älter wird, dass sie einen Umgang damit finden muss.
Ist Tori Amos zu seicht geworden?
Tori Amos gehört hierzulande irgendwie nicht zum großen Pop- und Rockkanon, sie taucht selten in Bestenlisten auf, wird seltener referenziert als andere Musikerinnen ihrer Generation. Ich frage mich warum.
Vielleicht ist sie den Deutschen zu esoterisch. Fair enough. Vielleicht haben die Alben der letzten Jahre einfach nicht mehr überzeugt. Auch fair enough.
Alles was nach ihrem Ablum „Scarlet's Walk“ kam, hat irgendwie an Aufregung verloren. Nicht zwingend musikalisch, aber im Artwork und in den Texten. Die entweder sehr kryptischen („Rabbit, where'd you put the keys girl?“) oder sehr expliziten Lyrics („So, you can make me cum / That doesn't make you Jesus“) ihrer ersten Alben machten Platz für etwas zu offensichtliche Zeilen („the sexiest thing is trust“).
Insgesamt geben mir diese Alben denselben Vibe, wie Frauen, die in ihrem WhatsApp Status Blumenfotos teilen. Aber Vorsicht. Diese Frauen mögen zwar zu Hause kitschigen Tünüff rumstehen haben und gerne zur Bundesgartenschau fahren. Aber diese Frauen haben auch erkannt, dass sie sich auf die Ehemänner, denen sie jahrelang den Rücken freigehalten haben, weniger verlassen können als auf ihre Freundinnen, mit denen sie auf dem Weg zur Bundesgartenschau im Zug Sekt trinken.
Oder haben wir das Patriarchat nicht durchschaut?
Das sind Frauen, die Kinder groß gezogen haben und immer Vorwürfe hören mussten, dass sie zu streng, zu betüdelnd, zu distanziert, zu kontrollierend waren. Die verstanden haben, dass immer alles auf den Schultern von Frauen lastet und die eine neue Liebe fürs Weibliche, fürs Nicht-Männliche, fürs Nicht-Binäre und die Menschen entwickelt haben, die kompromisslos sie selbst sind und dafür unterdrückt und übersehen werden. Frauen, die notgedrungen zu intersektionalen Feministinnen wurden, die jetzt über Mental Load und Wechseljahre sprechen, für den Klimaschutz auf die Straße gehen und sich den Omas gegen rechts anschließen. Frauen, die immer unterschätzt wurden. Weil sie nett waren, weil sie kitschigen Tünüff zu Hause rumstehen haben und eben Blumen mögen.
Man kann diese Frauen – oder Tori Amos' Werk – kitschig finden, aber dann hat man das Patriarchat nicht durchschaut.
Tori Amos ist das, was das Patriarchat an Frauen am nervigtsen findet: Sie ist sinnlich, nicht rational, Fakten interessieren sie nicht so sehr wie Gefühle. Sie ist explizit, spezifisch weiblich und persönlich. Sie ist selbstironisch und selbstreferenziell, sie interessiert sich für sich selbst und für Frauen – aber nicht für Männer.
Was passiert nach den Wechseljahren?
Tori Amos hat stimmlich an Kraft verloren, aber nicht als Feministin. Ihr neues Album „In Times Of Dragons“ ist sehr explizite Kritik an Trump und toxischer Männlichkeit. Im Gegensatz zu vielen weißen Feministinnen ihrer Generation schließt sie trans Menschen und rassifizierte und queere Menschen nicht aus ihrem Feminismus aus (soweit ich bisher weiß, finger's crossed!).
Ihre Live Shows sind vermutlich nicht mehr das, was sie mal in den 90ern waren (soweit ich Youtube Videos glauben schenken kann). Aber ich möchte sie trotzdem sehen. Weil da eine Frau über 60 ihre Sicht der Dinge preis gibt. Zum Beispiel wie die Vergewaltigung, die sie erleben musste, sich heute auf sie auswirkt („29 Years“). Sie hat vor 30 Jahren darüber schon gesungen („Me and a Gun“), aber ihre Sicht darauf, ihre Gefühle dazu, ihr Umgang damit hat sich über die Jahre entwickelt. Ich brauche diese Geschichten. Ich möchte wissen, was passiert, wenn ich 50 oder 60 werde. Tori Amos erzählt es mir. Wenn auch mit dünner Stimme.